Eos und Tithonos – eine nicht zu empfehlende Variante unsterblicher Liebe

„Das Laub wird welk, das Laub wird welk und fällt, / Der Regen weint der Wälder Last zu Boden, / Der Mensch gräbt Äcker um, liegt endlich selbst begraben, / Es stirbt nach vielen Sommern Greif und Schwan.“ So oder so ähnlich beginnt Alfred, Lord Tennysons Gedicht Tithonus. Aber nicht mit einer weiteren Vanitas-Betrachtung darüber, dass alles, was entsteht, Zeus sei’s geklagt, zugrunde geht, hat man es hier zu tun. Sondern, ganz im Gegenteil, mit einem Lob der Sterblichkeit: „Me only cruel immortality / Consumes: I wither slowly in thine arms“, fährt das lyrische Ich in den beiden nächsten Zeilen fort. Von grausamer Unsterblichkeit konsumiert, aufgebraucht, verzehrt und zugrunde gerichtet, wird Tithonos in ihren, Eos‘ Armen langsam aber sicher über die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte immer weniger und weniger werden.

Denn Eos, die Göttin der Morgenröte, hatte nicht mit Zeus‘ plötzlicher Neigung zur Haarspalterei gerechnet. Als sie den ersten Vorsitzenden des Vereins der Olympier, der gerade wegen seiner Affäre mit Ganymed in die Kritik geraten war, darum bat, ihren sterblichen Liebhaber Tithonos unsterblich zu machen, war Eos davon ausgegangen, dass Immortalität ohne ein befriedigendes Maß an physiologischer Integrität nicht zu haben ist. Der wegen des erzwungenen Verzichts auf Ganymed verstimmte Zeus beschloss aber aus einer boshaften Laune heraus, zwischen Unsterblichkeit und dem Einfrieren sämtlicher Alterungsprozesse einen Unterschied zu machen. Warum sollte ER auf den schönen Schönling Ganymed verzichten müssen, während sich die Göttin des Tagesanbruchs in der Stunde vor dem Einsetzen der Dämmerung bis in alle Ewigkeit von dem gleichfalls (noch) nicht unattraktiven Tithonos die Wangen und anderes röten ließ?

Auf die unschönen Details soll hier nicht eingegangen werden. Nach und nach stellte sich heraus, dass Tithonos erkennbar immer älter und spürbar immer weniger wurde. Auf Nachfrage bei Zeus erklärte dieser, er habe Tithonos das verliehen, worum Eos ihn gebeten habe: Unsterblichkeit. Von ewiger Jugend sei nie die Rede gewesen. Grausam, wie Eos und ihr Freund Lord Tennyson behaupteten, sei das keineswegs, sondern professionell. Er, Zeus, habe genau das und nur das geliefert, was bei ihm bestellt worden sei. Und die Frist für Reklamationen sei im übrigen längst abgelaufen.

Das Ende vom Lied war, jedenfalls bei Alfred Tennyson, Tithonos‘ flehentliche Bitte um Sterblichkeit – dass es in Eos‘ Macht stand, ihm diese zu gewähren, ist allerdings durchaus zu bezweifeln: „Release me, and restore me to the ground; / Thou seëst all things, thou wilt see my grave: / Thou wilt renew thy beauty morn by morn; / I earth in earth forget these empty courts, / And thee returning on thy silver wheels.“