Chlamys und Hut standen ihm gut: Theseus auf dem Weg nach Athen

Odysseus bevorzugte den kuppelförmigen Pilos, ebenso Hephaistos und Charon. Hermes dagegen trug einen sportiver wirkenden, breitkrempig flachen Petasos, in seinem Fall eine wahrlich exklusive Sonderanfertigung mit seitlichem Geflügel. Wahrlich exklusiv hieß: Wenn einer mit so einem, genau gesagt: mit diesem Hut gesichtet wurde, konnte man ausschließen, dass es sich bei ihm nicht um Hermes handelte. Auch Paris soll bei seiner zwangsläufig fatalen Entscheidung für Aphrodite als Schönste der Schönen einen in den Nacken geschobenen Petasos als kleidsames Accessoire mit sich geführt haben. Während Götter und Heroen nicht selten Hüte trugen, scheint selbiges bei Heroinen und Göttinnen nicht der Fall gewesen zu sein.

Wilde Männer mit schwarz-dichtem Haupt- und Barthaar samt hervortretender Nase trugen in der Regel weder einen Hut (nicht Pilos noch Petasos) noch eine Chlamys oder sonst einen Umhang. So ein wilder Mann (übrigens ein Sohn von Poseidon) war beispielsweise Sinis, einer der fünf Wegelagerer, die vom jugendlichen Theseus auf seinem Weg in die Hauptstadt von Attika aus Gründen der Imagepflege und der Mythenbildung unter dem Applaus der Umstehenden in den Hades geschickt wurden.

Theseus seinerseits trug beides: einen Petasos und eine Chlamys – einen ärmellosen kurzen Mantel, der über die linke Schulter geworfen und über der rechten mit einer Spange zusammengehalten wurde. Da er als Enkel eines reichen Weinbauern (Pittheus) aufgewachsen war, wird seine Chlamys nicht aus naturfarbener Schafwolle, sondern aus einem bedenklich feinen Tuch in Schwarz oder Purpur gewesen sein. Und als Sohn aus gutem Hause verstand Theseus es gewiss, den Umhang so über die Schulter zu werfen, dass dieser dabei nicht mit dem Boden und auch nicht mit irgend etwas anderem unstandesgemäß in Berührung kam.

An den Füßen aber trug Theseus jene Sandalen, die sein Erzeuger Aigeus nach der Liebesnacht mit Aithra für den Fall der Fälle zusammen mit seinem Schwert unter einem Felsen deponiert hatte. Schwert und Sandalen sollten dem etwa gezeugten Nachkommen zu gegebener Zeit als Vater- beziehungsweise Sohnschaftsnachweis dienen. An seiner Waffe und an seinem Schuhwerk meinte der angehende König von Athen den rechtmäßigen Thronfolger dereinst zweifelsfrei erkennen zu können. Dass Aigeus nicht auch noch seinen Pilos oder Petasos als dritten Ausweis mit unter den Felsen gelegt hatte, ist nachvollziehbar. Wenn so ein Filz- oder Strohhut eine ganze Kindheit und Pubertät lang plattgedrückt unter einem Felsen gelegen hatte, würde er, das war Aigeus klar, einen so jämmerlichen Anblick bieten, dass dieser weder dem Sohn noch dem Vater zugemutet werden konnte.

Um nun aber auf den erwähnten Sinis zurückzukommen: der wilde Mann ohne Hut und Mantel machte sich ein makaberes Vergnügen daraus, harmlose Wanderer oder andere Reisende erst dazu zu bewegen, die Wipfel von Nadelbäumen (Fichten, Pinien oder Kiefern) zu Boden zu biegen und sich dann von diesen in die Luft und in den Tod schleudern zu lassen. Wie ihm dieser Trick gelang, weiß man nicht so genau, aber er scheint zuverlässig funktioniert zu haben. Nur bei Theseus muss dann etwas schiefgegangen sein. Denn plötzlich war Sinis selbst derjenige, der mit dem zurückschnellenden Wipfel in die Höhe katapultiert wurde. What goes up must come down: Dem Lehrsatz von Isaac Newton folgend kam auch Sinis wieder herunter. Und da der Baum ein kräftiger und hoher gewesen war, war Sinis‘ Fall ein tiefer und der Bodenkontakt ein auf der Stelle tödlicher.

In der letzten Einstellung sehen wir, wie Theseus sich einmal mehr geschickt die Chlamys über die Schulter wirft, mit dem Petasos ins Publikum winkt und seinen Siegeszug nach Athen fortsetzt. Die etwas Älteren unter den Zuschauern und Mitlesern werden sich erinnern: Falls die Sandalen, die Aigeus für seinen Sohn in spe unter dem Felsen hinterlegt hatte, Schuhe der Marke Salamander waren, dann hört man jetzt aus dem Off den (ein weiteres gutes Ende besiegelnden) Satz: Und lange tönt’s im Walde noch – Salamander lebe hoch!

Ero-Politik: Medeas Liebe mit der Brechstange

Eines muss man Medea lassen: zimperlich war sie nicht. Und wenn sie etwas unbedingt haben wollte, dann bekam sie es auch. „Die an Mitteln und Anschlägen reiche, die weise Frau“, so paraphrasierte sie der Mythologe Ludwig Preller. Außerdem, beziehungsweise vor allem anderen, steht sie für die leidenschaftliche, mythologisch nachweislich über Leichen gehende Liebe.

Um Iason, den von ihm geführten Argonauten und sich selbst mit diesen die Flucht aus ihrer Heimat Kolchis am Schwarzen Meer zu ermöglichen, opferte sie ihren eigenen Bruder. Legte seinen zerstückelten Leichnam dem Vater in den Weg. Die Wette, dass ihre Verfolger einige Zeit brauchen würden, ehe sie ihre Fassung zurück gewannen, gewann sie. So half sie dem von ihr ebenso rückhalt- wie rücksichtslos Geliebten das notorisch umkämpfte Goldene Vlies nach Iolkos zu bringen und dort (oder vielleicht auch erst später in Korinth) König zu werden.

Im weiteren Verlauf dieser asymmetrischen Beziehung kommt es zu weiteren Tötungsdelikten. Die Ansicht, dass Medea unter anderem auch ihre und Iasons Kinder umgebracht habe, wird nicht von allen geteilt. Zu schlechter Letzt scheint die Ratwissende sich keinen anderen Rat mehr gewusst zu haben als den, sich nach Athen abzusetzen und dort in zweiter Ehe Theseus‘ Vater Aigeus zu heiraten. Nach einer Affäre mit ihrem Stiefsohn verliert sich die Spur der keinerlei oder doch so gut wie keine Skrupel kennenden Medea in den Weiten Klein- und Großasiens.

Während die einen sagen, Medeas Liebe sei für sie nur ein Vorwand gewesen, um habituell gewalttätig werden zu dürfen, halten viele ihr zugute, dass sie leidenschaftlich für etwas brannte, eine ero-politische Vision hatte. Das scheint wieder im Kommen zu sein.