Sah ein Gott ein Knäblein stehn, Knäblein auf der Weiden

In einem Brief an Charlotte von Stein, geschrieben zu Rom im dort keineswegs traurigen Monat November welchen Jahres auch immer, erwähnt Johann Wolfgang von Goethe ein antickes Gemälde auf Kalk, das den Ganymed vorstelle, „der dem Jupiter eine Schale Wein reicht und dagegen einen Kuß empfängt“. Also wird es wohl wahr sein, was die einen sagen, nämlich dass Zeus alias Jupiter etwas mit Ganymed, dem vor Freude und Jugend Strahlenden, wie man seinen Namen übersetzen könnte, gehabt hat, wohingegen andere davon nichts wissen wollen und darauf bestehen, dass es sich um ein zwar fragwürdiges Dienstleistungsverhältnis, aber nicht um ein Verhältnis gehandelt habe. Mundschenk, so eine Art olympischer Oberkellner, sei Ganymed gewesen und als solcher von Kopf bis Fuß aufs Schenken eingestellt, und sonst gar nichts.

Zeus hatte sich den attraktiven Hirtenknaben von einem Wirbelwind oder einem Adler aus Kleinasien herbeischaffen lassen. Oder er selbst ist es in Gestalt des Orkans beziehungsweise des Adlers gewesen, der die Herde ihres Hüters beraubt hat – wer wäre in der Lage zu entscheiden, ob in so einem Wind oder Adler nur ein Adler oder ein Gott sein windiges Wesen treibt. Als Vater des Ganymed kommen zwei Könige von Troja in Betracht: Tros und Laomedon. Und statt für den Entführten Lösegeld zu fordern, war Zeus selbst derjenige, der dem einen oder dem anderen als Ablöse-Entgelt einen goldenen Weinstock oder ein paar windschnittige Rosse übereignete.

Die Unklarheiten und Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Affäre Ganymed setzten sich übrigens fort bis ins spät-vormoderne Italien hinein. Denn das von Goethe im Brief an die von Stein beschriebene Bild war für die einen, unter diesen auch der andere Olympier selbst, mehr oder weniger zweifelsfrei antik, für die anderen aber das Werk des Malers und Restaurators Anton Raphael Mengs. Auch Mengs selbst war der Meinung, dass er das Bild gemalt habe, was er tatsächlich im letzten Moment, nämlich auf dem Totenbett, zu Protokoll gegeben haben soll.